Tough Guy 2017

Hey Spartans, liebe Leser,

am 25.01.1987, also vor genau 30 Jahren war die Geburtsstunde des wohl legendärsten OCR Rennens der Welt, des Tough Guy im englischen Wolverhampton. Der mittlerweile 84 jährige „Mr. Maus“, bekannt durch seinen Schottenrock und Zwirbelbart, war der Initiator und die Seele dieses Rennens. Es war und ist das einzige Hindernisrennen bei dem die meisten der angeblich ca. 200 Hindernisse fest installiert sind und immer auf dem Gelände verbleiben. Viele Mythen und Berichte gibt es zu diesem Rennen. Anfangs war es einfach nur verrückt, dann interessant, dann Kult und ab Montag wird es Mythos sein, denn am Sonntag davor (29.01.2017) ist es der letzte Tough Guy!

Grund genug für Mike und mich nach Wolverhampton zu fahren. Doch mit uns sollten noch Dutzende, weiterer OCR-Läufer aus Deutschland dabei sein, und über 5000 aus der ganzen Welt.

Von München bis Birmingham fliegt man ungefähr zwei Stunden, die Zeitverschiebung beträgt eine Stunde. Bereits am Flughafen treffen wir zahlreiche Bekannte, die Stimmung ist ausgelassen. Wir treffen Steffi und Stefan (meine Zimmerkameraden aus Kanada) und Stefan erklärt sich bereit den Mietwagen, trotz Linksverkehr, zu fahren. Hier ist es kalt! Wenn auch etwas milder als in Deutschland.

Unser gebuchtes Hotel ist leider überbucht aber dank Internet und dem Einsatz von Stefan haben wir bald ein Neues gefunden, leider etwas außerhalb.

Wir sitzen bei einem Glas Bier zusammen und lassen denn Abend ausklingen.

Früh stehen wir am Samstag auf und frühstücken sehr lange. Es ist einfach genial mit einem Team aus Gleichgesinnten. Nun wird’s spannend! Es geht zur Startnummernausgabe. Endlich sehen wir das legendäre Gelände des Tough Guy.

 

Wir stehen auf einem riesigen, schlammigen Gelände mit gigantischen Hindernissen und hunderten von Flaggen aus der ganzen Welt. Man sieht sofort, dass hier alles schon 30 Jahre alt ist. Vor der Registrierung Treffen wir Mr. Mouse! Wie cool !!!

Wir registrieren uns und schon beginnt unsere Führung über das Gelände unter der Regie von Beefcake, einem deutschen Tough Guy Marshall. Hier ist alles groß, alles kalt und vor allem alles nass und schon jetzt sehr matschig! Und morgen soll es auch noch regnen. Schaut euch die Bilder an und lasst sie auf euch wirken!

Was wir über die Kälte, die Anzahl der Aufgebenden und die Qualität der Hindernisse hören macht uns nervös, aber wir lassen uns nicht verrückt machen. Wir freuen uns auf morgen! Immerhin sind wir in England beim letzten Tough Guy!!! Besser geht’s doch kaum!

Und dann treffen wir auch noch Scott Keneally , den Regisseur und Hauptdarsteller des Films Rise of the Sufferfesst, dem bekannten OCR-Film.

Ein (positiv) verrücktester Typ!

So, jetzt beginnt das angespannte Warten auf den Start….. Wir sind bereit und etwas nervös.

Am Sonnstag ist Renntag! Wir frühstücken ein typisch, englisches Frühstück aber jeder ist nervös. Das ist deutlich zu spüren. Wir ziehen unsere Wettkampfklamotten an und los geht´s Richtung Wolverhampton. Unsere Fahrt dauert normalerweise etwa eine halbe Stunde, aber nicht so heute! Bereits vor Wolverhampton staut sich der Verkehr, so dass wir eine halbe Stunde vor dem Start immer noch im Auto sitzen. Hilft nichts, wir parken unseren Wagen am Straßenrand und gehen den letzten Kilometer zu Fuß. Um 11:00 Uhr ist eigentlich der Startschuss, aber dieser verzögert sich um eine halbe Stunde. Für uns ist das gut, denn so können wir noch unsere Gepäck ablegen.

Als Newbies starten wir in der „Wetneck Squad“, also ganz hinten. Vor uns stehen tausende Menschen hinter, auf und vor dem Startberg. Wir hören einen lauten Kanonenschlag und überall qualmt Rauch aus Rauchbomben in verschiedenen Farben raus. Es dauert natürlich etwas, aber schließlich können wir (Mike und ich) auch auf den Berg und dann hinunter in das Rennen starten!

Es ist unglaublich! Überall Rauch, Ghost Warriors (in verschiedenen Farben angemalte Muskelprotze oben ohne) die schreien und immer neue Rauchbomben zünden, ohrenbetäubender Lärm und Läufer die wie Ameisen aussehen, tausende! Man kann erst nur gehen, dann langsam joggen. Mike versucht zu überholen und läuft Slalom, ich warte den ersten Ansturm erst einmal ab.

Auf schlammigen Wegen joggen wir im Getümmel weiter, dann kommen die Rabbit Hills. Hier kommt die erste Härteprüfung. Den Berg hinauf, dann auf komplett verschlammten Bahnen wieder hinunter, hinauf, hinunter….weit über Zehn Mal! Es scheint kein Ende zu nehmen. An Laufen ist nicht zu denken, denn die Menschenmassen verhindern dies. Die besondere Schwierigkeit ist nicht der Aufstieg, vielmehr das Hinunterrutschen auf dem extrem verschlammten, steilen Gefälle.

Nun werden wir auf eine riesige, wässrige Wiese geleitet auf der wir mehrere, etwa hüfthohe Teiche durchwaten müssen. Das Wasser ist eiskalt, aber daran müssen wir uns gewöhnen, denn das Wasser wird zu unserem ständigen Begleiter. Um die Füße komplett abzukühlen dürfen wir nun verschiedene Gräben und Flussbette durch intensives und langes Waten besichtigen und dabei diverse, kleinere Hindernisse überwinden. Die Füße fühlen sich jetzt schon an wie Eiszapfen, obwohl wir die berüchtigten Killing Fields noch gar nicht erreicht haben.

Von Weitem sehen wir diese allerdings schon. Der riesige „Tiger“, eingehüllt in dichten Rauch und Menschenmassen die sich kriechend, in großer Höhe über ihn her machen und versuchen ihn zu überwinden. Langsam aber sicher nähern wir uns, doch es wird uns nicht leicht gemacht. Schwere, mit Wasser durchtränkte Netze müssen wir durchkriechen, dann wieder Holzhindernisse überklettern, und das Ganze dutzendfach! Hoffentlich kein Krampf…hoffentlich kein Krampf donnert es in meinem Kopf. Der Körper ist noch warm von der Bewegung, aber die Füße sind eiskalt. Das ständige Wasser und der dichte Schlamm ändern daran nichts, ganz im Gegenteil!

Nun werden es noch mehr Zuschauer. Wir erreichen die Killing Fields. Über den riesigen „Tiger“ drüber und dann ab in die Schlammgräben! Diese sind mit hüfthohem Schlamm und Wasser gefüllt und die Aufschüttungen sind so hoch, dass man kaum hoch kommt. Und davon gibt es nicht nur Einen, auch nicht Zehn sondern viele Dutzende! Sie scheinen kein Ende zu nehmen. Um mich herum krümmen sich Menschen mit Krämpfen, Andere werden von den Medicals herausgezogen mit schweren Erfrierungen, andere geben mit gesenktem Kopf einfach auf. Ich springe, ich wate, ich ziehe an meinen Beinen, ich klettere, rutsche wieder ab und überwinde, das dutzende Male, gefühlt mehrere Stunden. Doch irgendwann bin ich aus den Gräben raus!

Ich bin wie in einem Tunnel in dem was ich tue. Ich versuche alle mir in den Weg gestellten Hindernisse zu meistern, doch es ist kalt, nass, schlammig und mein Körper ist schon ziemlich müde. Es ist unglaublich was man uns hier in den Weg stellt. Extrem hohe Hindernisse zum Überwinden, Strom, lange, extrem enge Betontunnel zum durchkriechen, Tauchhindernisse, Sprünge aus großer Höhe ins Wasser, Balancehindernisse, Hangelhindernisse und und und…. Irgendwann sehe ich einen Läufer am Boden sitzen, sein linkes Bein haltend und einen extrem dicken Knöchel. Der Leidensgenosse ist aus Holland und kann nicht mehr auftreten. Ich stütze ihn und wir schaffen den ersten Meter, die ersten zehn, die ersten hundert Meter. Wir machen jedes Hindernis. Wenn er selbst nicht mehr kann, dann helfe ich ihm. Auf einmal bemerke ich wie er leichter wird. Er fängt an zu humpeln, packt ein Seil und zieht sich die Rutsche hoch und auf einmal steht er in einer Schlange Menschen, ich folge ihm. Da realisiere ich erst, dass die Menschen hier am Ziel anstehen! Wir haben noch etwa hundert Meter bis zum Ziel und müssen in der Schlang warten bis wir dran sind! Ich bin unbeschreiblich glücklich, aber noch glücklicher ist der holländische Kollege. Er umarmt mich springt auf dem einen Bein und der Schmerz scheint verflogen zu sein. Er bekommt seine Medaille und er beginnt zu weinen, vor Glück und Rührung! Auch ich nehme stolz meine Medaille entgegen und kann es noch gar nicht glaube, dass ich meinen ersten und letzten Tough Guy geschafft habe!

Wieder eine Geschichte an die ich mich auf meinem Totenbett noch erinnern werde! Krass!

Mike ist bereits seit einer Stunde im Ziel! Er hat wieder eine super Leistung abgeliefert, so wie immer halt. Meinen großen Respekt dazu! Auch die anderen aus unserer Gruppe sind gesund angekommen! Wow, was für ein Rennen! Die Medaille wird einen Ehrenplatz bekommen.

Mr. Mouse, danke für die Lehrstunde, danke für 30 Jahre Tough Guy 👍😥