Reisebericht OCR Weltmeisterschaft 2016


Zum dritten Mal findet die offizielle OCR Weltmeisterschaft statt, diesmal in den Blue Mountains, ca. 90 Minuten nordwestlich von Toronto. Warum ich euch das schreibe? Weil ich in dem Hammerjahr 2016 dort am Start sein werde. Ich starte in der Altersklasse 40-44 und beim Team-Rennen. Ich möchte meine Erfahrungen mit euch teilen, deshalb schreibe ich während meiner Reise diesen kleinen Reiseblog, mit dem WM-Höhepunkt.

Qualifikation für die OCR Weltmeisterschaft

Wer sich für die OCR Weltmeisterschaft qualifizieren möchte, muss in seiner Altersklasse unter die besten 10 bei einem offiziellen Qualifikationsturnier kommen, oder mindestens Gesamtzehnter werden. Die Liste der Qualifikationsrennen und eine genaue Beschreibung der Qualifikationskriterien findet man auf der Seite http://ocrworldchampionships.com/how-to-qualify. Ich habe mich bereits im März beim Strong Viking als 4. in meiner Altersklasse qualifiziert, auch wenn ich das erst Mal gar nicht realisiert hatte 🙂 Na auf alle Fälle lass ich mir so etwas nicht entgehen und nutze die Gunst der Stunde. Man muss das Leben so nehmen wie es kommt….

Meine Tourplanung

„Nur“ wegen einer Weltmeisterschaft nach Kanada zu fliegen macht eigentlich keinen Sinn, außer man rechnet sich tatsächlich ein gutes Abschneiden aus. Das trifft aber auf mich nicht zu. Ich möchte lediglich dabei sein, einmal das unbeschreibliche Flair einer WM spüren, die Atmosphäre genießen, mit den Top-Athleten zusammen sein. Mittendrin sein. Mir geht es nicht um das Ergebnis, ich will lediglich mein Bestes geben und gesund ins Ziel kommen. Und ich will zumindest eine der schönen Medaillen mit nach Hause nehmen, also das Ziel erreichen. Neben dem Hauptlauf habe ich mich auch für die Team-WM angemeldet, es könnten also sogar zwei Medaillen werden.

Natürlich nutze ich die Gelegenheit, um mir ein paar Dinge anzuschauen. Grob gegliedert reise ich am 09. Oktober von Kirchheim nach Toronto und verbringe dort insgesamt drei Tage (bis zum Mittwoch, den 12. Oktober). Während dieser Zeit möchte ich unbedingt einen Tagesausflug zu den Niagarafällen unternehmen, eine intensive Stadtführung machen und shoppen gehen und viele andere Dinge die ich vor Ort noch genauer planen muss.

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Am Mittwoch Abend fahre ich dann ins „Blue Mountain Ressort“, dem Austragungsort der Weltmeisterschaft. Dort verbringe ich den Rest der Woche, bis ich dann am Sonntag den 16. Oktober wieder zurück nach München fliege.

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Natürlich wird der Schwerpunkt meiner Geschichte auf der Weltmeisterschaft im OCR liegen, aber ich möchte auch etwas drum rum erzählen, denn solch eine Reise hat meist viel mehr zu bieten.

Sonntag, den 09. Oktober 2016

Boah das schlaucht vielleicht! 11 Stunden Anreise, Mietwagen ausleihen und vom Flughafen zu meiner Pension auf Straßen auf denen ich nichtmal die Geschwindigkeitsbegrenzungsschilder gefunden habe, ohne Navi (ist hier nicht üblich). Aber es ist alles spannend und ohne Stress, denn ich hab Zeit. Die Pension „Comfy“ wird von einem kurzsichtigen Inder betrieben.

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Das erste was er mir gezeigt hat war eine ca. 130 Kilo schwere Frau (ich nenne sie ‚Federchen‘) die mein Bett zerstört hätte und gerade dabei war in ihren Wagen zu steigen  Tja…gut, dass noch eines in dem ca. 5qm großen Raum steht.  Ich hätte Glück, denn ich hätte eigentlich noch einen Mitbewohner haben sollen, der hätte aber gestern abgesagt. Gemeinschaftsbad mit 5 anderen Zimmern und die Betdecke riecht als ob das Bett sonst an stark schwitzende Holzfäller vermietet wird. Ich werde an Liberec erinnert  Da war’s auch so. Egal, dafür zahle ich für drei Nächte keine 100,- Euro

Eigentlich bin ich müde, aber durch die Zeitverschiebung ist es hier erst 14:00 Uhr und ich bin in einer neuen Stadt, einem Land wo ich noch nie war und auf einem neuen Kontinent! Da kann ich noch nicht schlafen

Also ziehe ich zu Fuß los und esse erst einmal zu Mittag. Klassisch Burger mit einem wirklich leckeren Bier, das allerdings leicht nach Zimt schmeckt

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So, jetzt geht’s in Toronto’s City und ich mache über 20.000 Schritte zu Fuß  Ein paar Eindrücke….

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Ich sehe das erste Mal den Ontariosee, einen der größten Seen der Welt. Ich habe mal gelernt, dass er über 300km lang ist und über 19.000 qm Fläche hat. Auf dem fahren sogar Ozeanriesen.  Ich finde einen Strandabschnitt mit Sand und genieße einen Kaffee

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Die Müdigkeit übermannt mich und ich bin um 19:00 Uhr im Bett und schlafe 10 Stunden am Stück. Klar, um 05:00 Uhr bin ich wieder wach..

Montag, der 10. Oktober 2016

Ich lese im Reiseführer, dusche (zur großen Freude der anderen Pensionsbewohner, die um diese Uhrzeit noch schlafen) und suche mir ein Lokal zum Frühstücken. Was soll ich sagen, es ist Thanksgiving und alles hat geschlossen, außer STARBUCKS 🙂

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Um 10:00 Uhr treffe ich Dan, meinen Guide. Dan ist ein leidenschaftlicher Läufer und kennt seine Stadt bestens. Wir treffen uns am Varsity Center, einem Stadion für Football und andere Sportarten. Er beginnt mit der Erzählung über ein legendäres Rockfestival und den kuriosen Gegebenheiten. Es war Yoko Ono’s erstes Konzert als Sängerin, begleitet von Keith Richards.

Mit einem flotten Pace laufen wir von Sehenswürdigkeit zu Sehenswürdigkeit und ich lerne viel. Diese 4-Millionen Stadt hat viel zu bieten. Toronto ist nach Mexico City, New York und Chicago die viertgrößte Stadt Nordamerikas und wächst ständig. Es wird viel Wert auf die Harmonie zwischen den alten Gebäuden und der Moderne gelegt und das ist wirklich gelungen. Zwischen den modernen Wolkenkratzern hat man die alten Gebäude im gregorianischen Stil größtenteils erhalten, teilweise sogar kombiniert.

Hier sind ein paar Eindrücke:

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Dan ist ein kompetenter Reiseführer und macht das hauptberuflich. Seine erfrischende Art lässt während der 13 gelaufenen Kilometer keine Langeweile aufkommen und bald schon ist unsere Stadtführung zu Ende. Er hat mich in den alten Distilleriebezirk gebracht. Hier wurden schon zahlreiche Filme gedreht und es sieht aus als befände man sich im 18. Jahrhundert.

Ich trinke einen Kaffe, laufe in meine Pension und dusche. Frisch und hungrig esse ich einen großen Burrito als Mittagessen und suche den CN-Tower, mein nächstes Ziel

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Der CN Tower wurde am 06.02.1976 eröffnet und war mit seinen 553m Höhe Jahrzehnte lang das höchste Bauwerk der Welt. Wichtig ist aber, dass ich zwei Tage älter bin als er.

Ich will soweit nach oben wie möglich. Ich kaufe also ein Ticket für die Aussichtsplattform in 447 Metern Höhe. Zwei Aufzüge schießen mit 22 Meilen Geschwindigkeit nach oben. Der Erste bis zum Drehrestaurant, der Zweite bis zur Plattform. Die Aussicht ist gigantisch, der Turm schwankt jedoch ständig etwas. Aber seht selbst:

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Die Aussicht auf die Skyline Toronto’s und den Ontariosee ist atemberaubend

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Im Drehrestaurant trinke ich einen kurzen Cocktail (das Glas darf man hier mitnehmen) und fahre mit dem Aufzug wieder runter.

Jetzt habe ich es nicht weit bis zu meinem nächsten Ziel. Als Angler und begeistertem Aquaristiker ist ein Besuch im Toronto Aquarium natürlich Pflicht. Ganz ehrlich, das hat sich wirklich gelohnt. Dort fährt man auf langsamen Fließbändern an den Aquarien vorbei. Das ist auch gut so, denn die Aquarien verlaufen teils als Bögen über den Köpfen der Besucher. Man fähr quasi durch einen Aquarientunnel. Aber seht selbst:

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Die Zeit verfliegt wieder viel zu schnell und mein Magen meldet sich. Nun, wusstet ihr, dass Pizzahut in Toronto fast nur nach Hause liefert? Ich nicht. So muss ich meine Pizza im Stehen, draußen essen 🙂 Dabei werde ich von drei hungrigen Obdachlosen angesprochen. Sie haben auch Hunger. Naja was soll ich sagen…. könnt ihr einem hungrigen Menschen Nahrung verwehren? Ich nicht….. so bleiben mir immerhin noch zwei Stücke. Ich kaufe mir einfach noch ein Sandwich….

Ich habe heute wieder über 30.000 Schritte zurückgelegt und freue mich auf mein Bett. Doch darauf muss ich noch warten. Tahir Khan, der indische Pensionsbesitzer (oder bei ihm wäre „Pensionist“ angebracht) will das kaputte Bett austauschen. Das neue Bett soll in 45 Minuten geliefert werden. Wird es auch, aber nun ist dem guten Tahir der Preis für den Aufbau (35 Kan-Dollar) zu viel und er holt sich telefonisch neue Angebote ein. Drei Inder kommen, Tahir streitet mit Ihnen wegen dem Preis und schließlich baut doch der Erste das Bett auf (der, welcher 35 Dollar wollte) aber jetzt für 40, da er so lange warten musste.

Na auf alle Fälle kann ich jetzt endlich ins Bett, morgen wird ein langer Tag ….

Dienstag, der 11. Oktober 2016

Jetlag ist jetzt weg, ich habe meinen Schlafrhythmus wieder. So bin ich ganz normal um 06:30 Uhr aufgewacht. Ein kurzes Frühstück und ab ins Auto. Bis zu den Niagarafällen sind es von Toronto ca. 140km. 90 Minuten Fahrzeit ohne Stau. Der Queen Elisabeth Way führt einen schnurstracks zu „The Falls“.

Es ist unglaublich wie diese Wasserfälle vermarktet sind. Riesige Hotels mit Blick auf die Wasserfälle, ein gigantisches Casino, Bootsfahrten, Hubschrauberflüge, ja sogar ein Flying Fox gibt es. Die Immobilien in der Gegend sind sündhaft teuer. Ein kleines Häuschen mit drei Zimmern kostet fast eine Million Dollar. Dagegen ist München günstig.

Ich habe mich immer wieder gefragt warum es  „die Niagarafälle“ heißt. Nun, es sind Zwei, der amerikanische „Amerikan Fall“ und der kanadische „Horseshoe Fall“ ! Der Fluss „Niagara“ gabelt sich und fließt durch die gleichnamigen Schwesterstädte ‚Niagara Falls‘. Kurios ist, dass Niagara Falls einmal zur USA gehört, und die zweite, gleichnamige Schwesterstadt zu Kanada. Ok, nun fällt das Wasser an beiden Gabelungen 56 Meter in die Tiefe. Ok, ich muss ehrlich sein. Eigentlich sind es drei Fälle, aber der Dritte (Bridal Vail Fall) ist klein, deshalb sind es für mich Zwei! Auf alle Fälle verbindet der Fluss den Erisee mit dem Ontariosee.

Falls ihr euch fragt wie die Schiffe da runterkommen? Gar nicht! Die umschiffen die Wasserfälle durch den etwa 12km entfernten Wellandkanal. Ist wohl besser so…

So, nun zu den Bildern….

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Die Wasserfälle sind imposant aber der Trubel dort ist riesig. So mache ich mich auch bald auf den Heimweg mit einem kleinen Abstecher  in die Ortschaft „Niagara on the Lake“. Das ist ein ruhiges und beschauliches Örtchen am Ontariosee in einer traumhaften Landschaft und schnuckeligen Holzhäusern im amerikanischen Vorortstil. Wenn ich in Rente bin, dann verbringe ich dort einen Sommer mit meinem (bis dahin ergrauten) Sigilein. Dann können wir den ganzen Tag die dicken „Squirrel“ (Eichhörnchen) mit Erdnüssen füttern. Ich freue mich schon und die Nager auch.

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 Mittwoch, der 12. Oktober 2016

Heute ist der Pensionswirt Tahir besonders freundlich zu mir. Ich dusche und sitze gemütlich beim Frühstück als er sich zu mir setzt und über Umwege auf die Bewertung bei Holidaycheck zu sprechen kommt. Er besticht mich mit einem Parfum. 🙂

Na auf alle Fälle checke ich aus und gehe zu Fuß in Toronto’s größte Shoppingmall. Das Ding ist riiiiiieeesig

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Auf mehreren Stockwerken verteilt, befinden sich hunderte größere und richtig große Läden, wobei Luxus vorherrscht. Ich kaufe wie ein Weltmeister ein, für mich aber nur zwei Boxershorts. Ein abschließendes Essen und ich verlasse die Mall.

Ein englischer Bettler hat seine Katze in ein Trikot des lokalen Sportvereins gekleidet, Grund genug für eine kleine Spende.

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Ich steige ins Auto und fahre Richtung Blue Mountains. Es beginnt…. das Abenteuer OCR WM. Ich genieße die Fahrt auf den geraden Highways. Die Landschaft ist hügelig, durchsetzt mit netten Holzhäuser nach dem Stil der Serie „unsere kleine Farm“. Nach ca. zwei Stunden erreiche ich die Unterkunft des Deutschen Teams, welche für die nächsten vier Nächte mein zu Hause werden wird. Es ist keiner da, also besichtige ich die Gegend. In Blue Mountain Village wird fleißig aufgebaut. Einige Athleten sind schon hier, aber noch sind es Wenige.

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Unsere Unterkunft ist super. Charles Franzke hat sich freundlicherweise um die Organisation gekümmert und es ist alles gut 👍

Neben Charles und seinen Eltern sind noch Til Leipziger, Til Zimmermann, Marco Seyfarth, Chris Lemke, Patrick Kessmann, Stefan, Steffi Plitsch, Matthes Brähmig, Christian Kirstges und ich  in unserem Chalet. Eine tolle Truppe 💪

Angeblich warten auf uns 54 Hindernisse, harte Hindernisse und viele Höhenmeter. Auch wenn ich es nicht anders erwartet habe, geht mir jetzt die Muffe. Wir verbringen den Abend mit OCR Geschichten und gehen früh zu Bett. Aber nicht ohne ein Blue Mountain Bier zu genießen.

Donnerstag, der 13. Oktober 201

Wir sind alle früh wach, draußen regnet es in Strömen. Kanadischer Wolkenbruch! Endlich! Sonst hatten wir immer über 20 Grad, jetzt nur noch 11. …OCR-Wetter halt. Wir frühstücken und sitzen im Wohnzimmer zusammen. Alle sind etwas angespannt, aber positiv.

Ich gehe den Regen spüren und laufe lockere 7km, unterbrochen von Klimmzügen. Mein linker Daumen hält trotz Bruch und ich habe keine Schmerzen. Ich freue mich auf das Rennen, auch wenn es schwer wird mein Band zu behalten….

Es ist Mittagszeit und ich hole meine Startunterlagen ab. An einer riesigen Athlethenschlange stelle ich mich an und genieße die Stimmung. Vor mir sind Südafrikaner, hinter mir Läufer aus Schweden. Einfach klasse.

Dieses Band gilt es zu verteidigen

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Nun drückt der Hunger und wir fahren zu Dritt in einen Fastfoodladen der ein sehr leckeres Clubsandwich mit Salat und Pommes zu bieten hat. Wir lassen es uns schmecken und fahren wieder zum Eventgelände, wo uns vor dem Merchandisingshop eine riesige Schlange erwartet. Egal. Ich genieße die Stimmung und das (wieder) gute Wetter. Die Jungs kaufen ein, mir ist das Zeug zu teuer. Abends kochen wir zusammen, unterhalten uns und gehen irgendwann ins Bett.

Freitag, den 14. Oktober 2016

Heute sind die meisten von uns sehr früh wach, denn die ersten Starts auf die Kurzdistanz sind bereits 08:30 Uhr. Auf die 3 km Kurzdistanz müssen die Athleten 15 teils sehr anspruchsvolle Hindernisse überwinden. In der „pro-Division“ warten 10.000 Dollar auf den Sieger. Dafür muss aber jedes Hinderniss ohne Fehlversuch absolviert werden. An den Hindernissen sind Fehlversuche erlaubt, allerdings gibt es Strafzeiten die auf die Finisherzeit addiert werden. Schafft man das Hindernis trotzdem nicht, wird das Band am Handgelenk abgeschnitten.

Ich habe mich nicht für die Kurzdistanz registriert, weshalb ich heute nur Zuschauer bin.

Der interessanteste Platz zum Zuschauen ist direkt am Platinum Rig, einem anspruchsvollen Hangelparcour der mit Ropeswings beginnt und dann Querstangen, Ringe und Horizontalstangen beinhaltet.

Die Jungs kämpfen tapfer und so können die Meisten aus dem deutschen Team ihr Band behalten. Es ist spannend wie unterschiedlich das Niveau ist. Jeder hier hat sich irgendwo auf der Welt qualifiziert, aber man sieht Läufer unterschiedlicher Leistungsklassen.

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Alle kommen zufrieden ins Ziel und erhalten eine weiße Medaille.

Danach ist Zeit fürs Teamfoto

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 Das erste Mal präsentieren wir offiziell unsere Teamkleidung. Ich sehe einen Amerikaner der mich während des Rennens beeindruckt hat und freue mich über ein Bild mit ihm. Dieser Mann hat sich über seine Altersklasse qualifiziert, sein Band früh verloren aber tapfer gekämpft. Auf seine Art ein Vorbild.

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Der Nachmittag und Abend ist geprägt von Nervosität des Teams. Wir kochen zusammen Pasta Carbonara, essen und gehen bald schon ins Bett.

Samstag, den 15. Oktober 2016 – Weltmeisterschaft

Die Elite startet bereits um 08:00 Uhr, das heißt, dass die Meisten bereits um 05:00 Uhr aufstehen. Das Haus ist erfüllt von klirrenden Tellern, Zähneputzen und Taschen die gepackt werden. Ich ziehe meine Rennkleidung an, dann geht’s Frühstücken. Heute geht alles organisierter zu. Alle haben ein Ziel. Die Profis starten bereits in Wellen kurz nach 8 Uhr, danach folgen die Altersklassen. Meine Altersklasse (40-44) ist um 10:10 dran.

Im Startbereich bekommen alle noch eine Kurzeinweisung, dann kommt das Aufputschen durch den wohl besten Einheizer der Welt. In knapp zwei Minuten spricht er alle startenden Gruppen speziell an, und jeder verlässt den Start mit einer extrem hohen Motivation 😅

Die Elite (Profis) starten zuerst. Aus unserer Gruppe sind zahlreiche wirklich guter Jungs am Start mit einem hohen Potential. Der Startschuss fällt und das Rennen um den Weltmeister Titel beginnt. Es ist unglaublich mit welchem Tempo das hier beginnt. Als würden sie sprinten, und das obwohl allen 15 Kilometer bevorstehen. Am Platinumrig feuere ich unsere Jungs an und sie geben Vollgas. Doch das Rennen wird John Albon vor Ryan Atkins gewinnen. Dabei läuft Albon die 15 Kilometer mit 1000 Höhenmetern und 50 harten Hindernissen in 1:24 Stunden, eine unglaubliche Zeit.

Unser bester Läufer ist heute Charles Franzke mit einem hervorragenden Platz in den Top20!

Doch das bekomme ich erst einmal gar nicht mit, denn um 10:00 Uhr begibt sich die Startklasse 40-44 in den Startbereich. Wir müssen uns hinlegen und bekommen eine unglaubliche Motivationsrede. Ich habe Pipi in den Augen und bin sooo froh hier zu sein.

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Wir starten und laufen eine leichte Steigung nach oben und müssen die ersten fünf Hürden überspringen. Kein Problem, das ist zum Warmwerden. Die ersten Walls, das erste Hangelhinderniss, alles noch kein Problem. Meine erste, wirkliche Herausforderung ist der „Dragons Back“, ein Hindernis bei dem man über eine Holzschlucht springen muss und dann mit den Händen eine Stange greifen muss, damit man nicht hinein fällt.

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Ja, ich zögere, aber ich springe, halte mich und schrei mein Glück heraus! Das Ganze nochmal und ich hab den Rücken des Drachen bezwungen.

Ich bin echt stolz auf mich, denn dieses Hindernis war ich nicht gewohnt und hat mich richtig gefordert. Ein weiteres Hindernis bei dem ich sonst immer Probleme habe ist die Halfpipe. Heute haben wir drei davon und ich meistere sie ohne Probleme.

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Auch darauf bin ich sehr stolz. Weniger stolz bin ich, dass ich an dem Platinumrig mein Band nach meinem dritten Versuch gecuttet bekomme. Der Ropeswing am Anfang klappt, ich greife den nächsten Ring, dieser ist jedoch so weit weg von der nächsten Kantstange, dass ich jedesmal abrutsche.

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Das ist heute für mich nicht drin, also verliere ich schweren Herzens mein Band. Aber es läuft gut bei mir und die nächsten Hindernisse flutschen. Allerdings muss ich ehrlich sein, ich hätte das Band ein weiteres Mal verloren, und zwar beim zweiten Rig bei dem man sich mit dem Rücken zum Boden durch einen Parcours aus Stangen und Ringen entlanghangelt.

Bei diesem Hindernis treffe ich Marco wieder. Er hat sein Band noch und teilt sich seine Kräfte ein, um es zu behalten. Zusammen bewegen wir uns von Hindernis zu Hindernis, treffen Menschen aus der ganzen Welt, geben uns Mühe, genießen aber auch das Rennen. Mit guter Laune und einem neuen, selbstgedichteten Lied eilen wir von Hindernis zu Hindernis 🙂 Ein super Typ!

Marco behält sein Band bis zum Ende und ich muss beim Weaver aufgrund eines Krampfes abreißen lassen. Das letzte Rig geht und ich stehe vor der 4 Meter Schrägwand. Anlauf, Seil gegriffen, ich bin oben. Yeah…. Ich klettere hinunter und laufe ins Ziel.

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Es ist unglaublich, ich habe meine erste OCR WM gefinished und meine Medaille bekommen. Das Gefühl überwältigt mich, wieder habe ich Pipi in den Augen.

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Das ist so unglaublich – ich im Ziel bei einer WM. Was ist das für ein Jahr gewesen? Ich bin sooo dankbar. So etwas ist nicht selbstverständlich und davon kann ich später als alter Opa abendfüllende Geschichten erzählen. Auch darauf freue ich mich. Und das mit dem abgeschnittenen Band…. naja, auch wenn ich mich schon etwas ärgere, so bin ich in guter Gesellschaft 🙂

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Ich sitze im Zielbereich und genieße. Dann fahre ich kurz Duschen, und gleich wieder zurück ans Eventgelände, hol mir einen Kaffee und genieße die Stimmung, ganz alleine, nur mit mir und dieser einzigartigen Stimmung. Ich bin zufrieden, auch wenn ich das Band verloren habe, aber das motiviert für´s nächste Jahr. Ich weiss nun viel besser was ich alles nicht kann und kann daran arbeiten. Doch jetzt genieße ich einfach das schwere Gewicht der großen Finishermedaille.

Dann feuere ich den Teil unseres Teams an, welcher noch auf der Strecke ist. Eigentlich feuere ich alle Läufer an, denn hier leistet jeder Großes und der Parcour ist nicht einfach. Es werden immer weniger Zieleinläufer, das Rennen neigt sich dem Ende zu. Ich fahre kurz einkaufen, denn heute Abend grillen wir zusammen. Wir sitzen noch bis spät in die Nacht zusammen und unterhalten uns. Über das Rennen, die Hindernisse aber auch ganz andere Themen. Der Druck ist erst einmal weg, auch wenn morgen noch die Team-WM ansteht. Ich rekapituliere die Geschehnisse in meinem Kopf bis spät in die Nacht durch…. Unglaublich.

Sonntag, den 16. Oktober 2016 – Team WM

Auch heute geht´s früh raus, denn die Teams starten bereits ab 09:00 Uhr. Ich will nichts verpassen, auch wenn mein Team erst um 09:45 Uhr dran ist. Ich starte heute in dem Team „Bunkern“, ein schwedisches Team eines Fitnessstudios mit dem Name „Bunkern“, weil das Studio seine Trainingsräume in einem Bunker hat. In meinem Team ist André, Peteter (beide aus Schweden, auch wenn André eigentlich Deutscher ist) und ich.

Zuerst sind die Top-Teams am Start. Läufer wie Albon, Atkins, Kilian, aber auch unsere deutschen Topläufer wie Charles Franzke und die anderen Jungs starten mit ihren Teams. Jedes Team besteht aus drei Läufern, jeder Läufer vertritt eine Kategorie (Kraft, Laufen und Technik). In meinem Team vertrete ich die Kategorie „Kraft“, das heißt, dass ich den Sandsack bis auf den höchsten Punkt des Berges und dann wieder hinunter tragen muss. Dann übergebe ich das Band an André, welcher den Rest der Strecke zurücklegen muss. Als Highlight müssen die Läufer zum Ende noch die hohe Schrägwand vor dem Ziel überwinden. Hatten wir gestern auch, aber heute gießt es in Strömen und kaum jemand schafft es diese hochzulaufen. Teamwork ist gefragt und es ist unglaublich welch unterschiedliche Techniken angewandt werden.

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Die Läufer müssen heute einen halsbrecherischen Parcour bewältigen. Die gleiche Strecke  wie gestern stellt heute aufgrund des Starkregens eine extreme Herausforderung dar. Doch es wird für die Techniker nicht besser, denn die Hindernisse und Rigs sind extrem glatt und Viele, die gestern keine Probleme hatten, scheitern heute. Auch der Sandsack ist heute schwer hinauf, vor allem aber hinunter zu tragen, denn der Berg ist so schlammig, dass das Ganze trotz guter Schuhe eine Schlitterpartie wird. Genau richtig also für eine Team-WM.

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Die Sieger in der Pro-Division wird das englische Team vor dem Team aus Kanada und dem Team aus den USA. Unser bestes, Deutsches Team erreicht einen hervorragenden 7. Platz! Glückwunsch an Charles, Stefan und Sebastian.

Auch unser Team-Rennen verläuft sehr gut. Nun wird nicht mehr nach Altersklasse unterschieden, und wir erreichen einen hervorragenden Mittelfeldplatz. Das Tragen des Sandsackes empfinde ich nicht so schlimm wie gedacht, zu gut war die Vorbereitung in Tirol und beim Beast in Liberec. An der letzten Schrägwand behelfen wir uns mit der Räuberleiter und André, als letzter  Verbliebener erreicht das Seil alleine und kann hoch.

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Mir bleibt nur noch wenig Zeit zum Genießen, denn ich muss zurück in unsere Teamunterkunft, duschen, schnell essen und dann zum Flughafen nach Toronto. Mein Flieger geht heute Abend bereits wieder zurück nach Deutschland. Nach dem Duschen verabschiede ich mich vom Team und steige ins Auto. Es ist ein komisches Gefühl, nach so vielen Tagen mit den Jungs und Mädels….. Das Flugzeug steigt auf und ich erhasche einen letzten Blick auf Toronto bei Nacht, dann fliege ich wieder nach Hause.

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Es ging alles so schnell, ich muss noch tausende Eindrücke verarbeiten……… aber ich komme wieder! Meine OCR-Leidenschaft brennt stärker als je zuvor! Ich war Teil eines tollen Teams in toller Atmosphäre! Einfach klasse!

Uwe Kauntz, Oktober 2016